Mündliche Prüfungen in immersiven 360° Umgebungen
Integration von 360°-Videotechnologie in eidgenössische mündliche Prüfungen der Berufsbildung.
Laufzeit: Januar 2025 – Dezember 2025
Status: Abgeschlossen
Bildungsstufe: Tertiärstufe
Thema: Digital Skills & Literacy, Digital Tools
Keywords: VR, Virtuelle Realität
Ausgangslage
Das Projekt untersuchte die Integration von immersivem 360°-Video-basiertem Virtual Reality (360°VR) in mündliche Prüfungen («Fachgespräch») der Berufs- und höheren Berufsbildung, konkret in der tertiären Gesundheitsausbildung. Herkömmliche mündliche Prüfungen stehen häufig vor der Herausforderung, berufliche Kompetenzen in realistischen Arbeitsplatzkontexten authentisch zu erfassen. Frühere Forschungsarbeiten hatten gezeigt, dass immersive Technologien die Beurteilung von Kommunikations- und Handlungskompetenzen unterstützen können, indem sie realitätsnahe Umgebungen schaffen, die realen Berufssituationen entsprechen. Wenig erforscht war hingegen der Einsatz immersiver Umgebungen zur Beurteilung höherer Kompetenzen wie Argumentation und Entscheidungsfindung in mündlichen Prüfungen. Zudem fehlten praxistaugliche Leitlinien für die Integration von 360°VR in Prüfungsabläufe. Das Projekt adressierte diese Lücke, indem es untersuchte, ob immersives 360°VR mündliche Prüfungspraktiken verbessern kann, und gemeinsam mit Bildungspraktiker*innen Umsetzungsleitlinien entwickelte.
Ziele
Das Projekt hatte zum Ziel, die Wirksamkeit von 360°VR in mündlichen Prüfungen der tertiären Gesundheitsausbildung zu untersuchen. Es wurde geprüft, ob immersive Umgebungen im Vergleich zu herkömmlichen mündlichen Prüfungen die Prüfungsleistung, die Motivation, das Präsenzerleben und die kognitive Belastung beeinflussen. Ein weiteres Ziel war die Entwicklung praxistauglicher Leitlinien für die Integration von 360°VR in mündliche Prüfungsformate, erarbeitet in Zusammenarbeit mit Praktiker*innen.
Methode
Ein quasi-experimentelles Design verglich eine herkömmliche mündliche Prüfung (Kontrollgruppe, n = 39) mit einer 360°VR-basierten mündlichen Prüfung (Experimentalgruppe, n = 40). Die Teilnehmer*innen absolvierten einen Vortest, um vergleichbare Vorkenntnisse sicherzustellen. Während der Prüfung verwendete die Experimentalgruppe immersive 360°VR-Szenarien, während die Kontrollgruppe dieselben Informationen in Form von schriftlichen Fallstudien erhielt. Die mündlichen Antworten wurden per Audio aufgezeichnet, transkribiert und von zwei Prüfer*innen unabhängig voneinander anhand von Indikatoren wie Antwortgenauigkeit und Qualität der Entscheidungsbegründungen bewertet. Fragebogen nach der Prüfung erfassten Präsenzerleben, Motivation und kognitive Belastung. Die quantitativen Analysen umfassten t-Tests und Strukturgleichungsmodellierung, ergänzt durch qualitative Analysen offener Rückmeldungen.
Ergebnisse
Beide Gruppen wiesen zu Beginn der Studie vergleichbare Vorkenntnisse auf. Die quantitativen Analysen zeigten keine statistisch signifikanten Unterschiede in der Prüfungsleistung zwischen der herkömmlichen und der 360°VR-Bedingung hinsichtlich Antwortgenauigkeit oder Qualität der Entscheidungsbegründungen. Die Teilnehmer*innen der immersiven Bedingung berichteten jedoch von signifikant höherem Präsenzerleben, stärkerer emotionaler Verbindung zu Patient*innen, besserem räumlichen Verständnis des klinischen Umfelds sowie höherer Motivation. Die kognitive Belastung war in beiden Bedingungen vergleichbar. Die Strukturgleichungsmodellierung zeigte, dass emotionale Immersion die Motivation positiv vorhersagte, welche ihrerseits die Prüfungsleistung beeinflusste. Die qualitativen Rückmeldungen zeigten, dass die Student*innen VR für die verbesserte Visualisierung der Patient*innen und der Umgebung sowie für die Förderung der Aufmerksamkeit gegenüber kontextuellen Details schätzten. Die Teilnehmenden bekundeten Interesse daran, VR in künftigen mündlichen Prüfungen einzusetzen.
Umgesetzte Translation
Das Projekt lieferte praxistaugliche Leitlinien für die Integration von 360°VR in mündliche Prüfungsverfahren der Berufs- und höheren Berufsbildung. Diese Leitlinien wurden gemeinsam von Forscher*innen und Praktiker*innen entwickelt, um die direkte Anwendbarkeit in Bildungskontexten sicherzustellen. Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit Akteur*innen der tertiären Gesundheitsausbildung durchgeführt, die zur Gestaltung und Umsetzung der immersiven Prüfungsszenarien beigetragen haben. Die Ergebnisse und Empfehlungen sollen Institutionen unterstützen, die immersive Prüfungsmethoden in Qualifikationsverfahren einführen möchten. Zu den geplanten nächsten Schritten gehören die Anpassung des Ansatzes an weitere Berufsfelder sowie die Weiterentwicklung der Leitlinien auf der Grundlage einer fortlaufenden praxisorientierten Evaluation.
Das Projekt zeigte, dass immersives 360°VR mündliche Prüfungen bereichern kann, indem es das Präsenzerleben und die Motivation der Lernenden steigert, ohne die kognitive Belastung zu erhöhen. Obwohl sich die Leistungsergebnisse nicht signifikant von jenen herkömmlicher Prüfungen unterschieden, deuten die Befunde darauf hin, dass immersive Umgebungen authentischere und ansprechendere Prüfungserfahrungen ermöglichen können. Die Wirkung wurde anhand quantitativer Leistungsanalysen, Fragebogen zur Lernerfahrung, Strukturgleichungsmodellierung sowie qualitativer Rückmeldungen der Teilnehmer*innen erfasst.
Amenduni, F., Wettstein, F., & Cattaneo, A. (2026, August). Using virtual reality to enhance the assessment of situational awareness in nursing oral exams [Conference presentation]. EARLI SIG 6& 7 Conference, Zurich, Switzerland.