GrafMilis
Unser Ziel war es, die Identifizierung und Unterstützung von Kindern mit Schreibmotorik-Schwierigkeiten mit dem graphomotorischen Instrument GRAFOS (PHBern) und Dynamilis (EPFL) zu verbessern.
Laufzeit: Juni 2022 – Juli 2023
Status: Abgeschlossen
Bildungsstufe: Heil- und Sonderpädagogik, Primarstufe
Thema: Digital Tools
Keywords: Handschrift
Ausgangslage
Die Handschrift ist trotz zunehmender Digitalisierung weiterhin eine zentrale Kulturtechnik und spielt eine wichtige Rolle für schulisches Lernen und kognitive Entwicklung. Gleichzeitig zeigen Forschungsergebnisse und Rückmeldungen aus der Praxis, dass die Schreibmotorik vieler Kinder abnimmt, sowohl in der Qualität als auch in der Ausdauer. Lehrpersonen stehen vor der Herausforderung, Kinder im Erwerb einer leserlichen und flüssigen Handschrift zu unterstützen, verfügen jedoch oft über wenig geeignete diagnostische Hilfsmittel oder digitale Unterstützungsmöglichkeiten. Zudem fehlen verlässliche und aktuelle Daten zur motorischen Qualität der Handschrift in der Primarschule in der Schweiz.
Ziele
Das Projekt zielte darauf ab, die motorische Qualität der Handschrift von Primarschulkindern in verschiedenen Altersstufen systematisch zu erheben und zu analysieren. Gleichzeitig sollte das Potenzial digitaler Instrumente zur Erkennung von Auffälligkeiten und zur Förderung im Unterricht aufgezeigt werden. Durch die Kombination analoger und digitaler Erhebungsmethoden sollte eine evidenzbasierte Grundlage geschaffen werden, um den Handschriftunterricht zukunftsorientiert weiterzuentwickeln.
Methode
Zur Erhebung der Handschriftqualität kamen sowohl analoge als auch digitale Verfahren zum Einsatz. Analoge Erhebungen erfolgten mit dem etablierten Screening GRAFOS sowie dem SEMS (System zur Evaluation der Motorik bei Schreibbewegungen). GRAFOS umfasst ein graphomotorisches Screening, ein Beobachtungsblatt sowie Instrumente zur differenzierten Diagnostik und bildet die Grundlage des inklusiven didaktischen Konzepts GRAFINK. Ergänzend wurde das digitale Tool Dynamilis eingesetzt, welches mittels Machine Learning Handschriftauffälligkeiten erkennt und quantifiziert und mithilfe eines Tablets und eines digitalen Stifts präzise Daten zur Schreibdynamik in Echtzeit erfasst. Untersucht wurden insgesamt 1484 Kinder aus fünf deutschsprachigen Kantonen. Die Daten wurden mit Blick auf Klassenstufe, Geschlecht und individuelle motorische Auffälligkeiten ausgewertet. Der Methodenmix erlaubte einen multiperspektivischen Zugang zur Handschriftentwicklung.
Ergebnisse
Die Auswertung zeigte deutliche Unterschiede in der Handschriftqualität je nach Klassenstufe, Geschlecht und motorischer Entwicklung. Auffälligkeiten traten häufiger auf als vermutet und sind teils verborgen hinter einer scheinbar «normalen» Schrift. Die Kombination von GRAFOS, SEMS und Dynamilis erlaubte eine differenzierte Diagnose und machte Muster sichtbar, die mit rein analoger Beobachtung kaum erkennbar gewesen wären. Dynamilis erwies sich als besonders hilfreich für die feingliedrige Analyse der Schreibbewegungen (z. B. Druck, Geschwindigkeit, Rhythmus) und liess sich gut in den Unterricht integrieren. Die Kinder arbeiteten selbstständig und konzentriert mit der App, was individuelle Förderung erleichterte. Gamification-Elemente, direktes Feedback und personalisierte Übungsvorschläge unterstützten den Lernprozess messbar. In Kombination mit analogen Übungen entstand ein motivierender, vielseitiger Zugang zur Schreibförderung, gerade in heterogenen Klassen.
Umgesetzte Translation
Auf Grundlage der Projektergebnisse wurde ein praxisorientierter Leitfaden für Lehrpersonen entwickelt, der den gezielten Einsatz digitaler Diagnostiktools im Unterricht fördert. Das Projektteam erarbeitete Empfehlungen zur Integration digitaler und analoger Verfahren in den Handschriftunterricht und stellte Schulen Materialien zur Verfügung, die eine evidenzbasierte Förderung der Handschrift ermöglichen. Weiter wurde der Dialog mit Pädagog*innen, Fachpersonen und Institutionen gesucht, um die Erkenntnisse breit in die Praxis zu transferieren. Erste Rückmeldungen zeigen, dass digitale Tools wie Dynamilis als alltagstaugliche Ergänzung im schulischen Kontext wahrgenommen werden.
Das Projekt leistete einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung des Handschriftunterrichts im digitalen Zeitalter. Es sensibilisierte Lehrpersonen für die Relevanz der motorischen Schreibentwicklung und zeigte praxisnahe Wege auf, wie digitale Diagnostik sinnvoll integriert werden kann. Die Ergebnisse werden in der Lehrer*innenbildung und im schulischen Alltag genutzt und haben das Potenzial, langfristig zu einer besseren Erkennung und Förderung von Kindern mit motorischen Schwierigkeiten beizutragen. Damit stärkt das Projekt die evidenzbasierte Praxis im Bereich der Schriftsprachförderung.
Projektleitung
Projektmitarbeit