Klare Anweisungen, die ankommen
Konkrete Umsetzungsideen, wie Lehrpersonen Anweisungen und Instruktionen so gestalten, dass sie das Arbeitsgedächtnis von Schüler*innen mit Konzentrations- und Merkschwierigkeiten entlasten und zuverlässig ankommen.
Eckdaten
Fach/Fachbereich: alle Fächer
Schulstufe/n: Zyklus 1 und 2
Fokus: Merkfähigkeit, Ablenkung, Tagträumen
Umsetzung
Arbeitsgedächtnis und kognitive Belastung
Das Arbeitsgedächtnis nimmt Informationen nur kurz auf und speichert sie begrenzt, mit einem auditiven und einem visuellen Anteil. Es hilft unter anderem, Instruktionen zu verstehen und Zwischenschritte zu behalten (nach Brunsting 2011). Warum lange oder verschachtelte Anweisungen scheitern, erklärt die Cognitive Load Theory: Das Arbeitsgedächtnis ist stark begrenzt, es hält nur rund fünf bis neun Einheiten gleichzeitig und bildet den Engpass des Lernens. Bei kognitiver Überlast bricht der Lernprozess ab. Daraus folgt direkt, was diese Idee praktisch umsetzt: keine überladenen Darstellungen, nicht zu viele neue Konzepte auf einmal und eine klare, schrittweise Strukturierung. Für Kinder mit ADHS ist dieser Engpass im Alltag ständig spürbar, etwa bei der Schwierigkeit, mehreren Anweisungen zu folgen.
Anweisungen richtig geben
• Eine Anweisung nach der anderen. Statt ein Bündel auf einmal zu nennen, einen Schritt geben, abwarten und dann zum nächsten übergehen.
• Kurze Sätze, ein Gedanke pro Satz. In Hauptsätzen sprechen, konkret und positiv formuliert, also was zu tun ist statt was zu unterlassen ist.
• Wichtiges zuerst. Das Zentrale am Anfang nennen und Nebensächliches reduzieren, damit es das Wesentliche nicht überdeckt. Das entspricht dem Kohärenzgedanken bei Mayer: die Informationsmenge auf das Wesentliche und Lernrelevante reduzieren.
• Wiedergeben lassen. Die Schüler*innen die Arbeitsanweisung in eigenen Worten wiedergeben lassen, um das Verständnis zu prüfen. Das ist zugleich eine aktive Merkhilfe.
• Mehrere Kanäle nutzen. Hören und Sehen kombinieren, zum Beispiel gesprochene Anweisung plus Visualisierung. Ein Hinweis aus der Multimediaforschung: Denselben Text gleichzeitig vorlesen und schriftlich einblenden überlastet eher, als dass es hilft. Besser ist Sprache plus Bild als Sprache plus identischer Schrifttext.
Konkrete Beispiele für mehrere Kanäle:
• Gesprochene Anweisung plus Symbol statt plus identischem Text. Du sagst «Nimm dein Mathheft», dazu zeigst du ein Piktogramm Heft mit Zahl.
• «Leise arbeiten» als gesprochener Hinweis plus Bildkarte Ohr mit Fingerzeichen, nicht plus dem geschriebenen Satz.
Zielbild zuerst
Bevor die Schritte kommen, das fertige Resultat zeigen. So wissen die Schüler*innen von Beginn an, worauf sie hinarbeiten.
• Musterprodukt auf einer laminierten Karte: ein fertiges Beispiel, fotografiert oder gezeichnet, etwa der fertige Steckbrief, das fertige Plakat, die gelöste Rechnung. Darüber der Satz «So sieht es am Ende aus.»
• Diese Zielkarte im Sitzkreis in die Mitte legen oder an der Wandtafel zuoberst fixieren, damit sie während der ganzen Arbeit sichtbar bleibt.
• Bei jüngeren Kindern genügt oft ein Bild plus ein Wort statt eines ganzen Satzes.
Grosse Aufträge zerlegen (Chunking)
Grosse Arbeitsaufträge überfordern das Arbeitsgedächtnis. Deshalb Aufgaben in kleine, überschaubare Schritte gliedern und einzeln erklären, begleitet von kurzen, klaren Anweisungen und visuellen Hilfen. Aus einer vagen Aufgabe werden so mehrere klar benannte Mikroschritte.
Beispiel «Wir gestalten einen Tiersteckbrief»:
1. Tier aussuchen (Symbol Lupe)
2. Drei Sätze schreiben (Symbol Stift)
3. Bild dazu zeichnen (Symbol Pinsel)
4. Namen aufschreiben (Symbol Etikette)
5. In die Ablage legen (Symbol Ablagekorb)
Die Karten laminieren und mit Magnet oder Klett in einer Reihe an die Wandtafel. Erledigtes wird abgehakt oder umgedreht, so bleibt der Fortschritt sichtbar.
Beispiel «Arbeitsplatz einrichten» als Routine für den Sitzkreis: Etui bereitlegen, Heft aufschlagen, Ablenkendes wegräumen, ruhig sitzen. Vier Bodenkarten, welche die Kinder gemeinsam in die richtige Reihenfolge legen.
Sichtbar machen und verankern
Mündliche Anweisungen verpuffen schnell. Ein kurzer, sichtbarer Ablauf an der Tafel entlastet das Gedächtnis und macht die Erwartung für alle klar. Die Tagesstruktur visuell festhalten und Zwischenresultate notieren, so bleibt der Überblick erhalten und die Konzentration richtet sich auf das Wesentliche.
Formate zum Drucken und Laminieren:
• Auftragskarten im Format A6, ein Schritt pro Karte, Symbol gross, ein bis drei Wörter. Laminiert, mit Klett oder Magnet.
• Ablaufband für die Wandtafel: Karten in einer Reihe mit Pfeilen dazwischen.
• Bodenkarten A5 für den Sitzkreis zum gemeinsamen Ordnen der Schritte.
• Checkliste zum Abhaken, laminiert, mit wasserlöslichem Stift beschriftbar und danach abwischbar, also wiederverwendbar.
• Zielkarte immer klar abgesetzt, etwa mit eigenem Rahmen, damit Ziel und Schritte nicht verschwimmen.
Feste Routinen
Wiederkehrende Abläufe müssen nicht jedes Mal neu erklärt und gemerkt werden. Sie geben Sicherheit und sparen Arbeitsgedächtnis für den eigentlichen Lerninhalt.
Empirischer Beleg
Dass strukturiertes, klar angeleitetes Vorgehen wirkt, ist gut belegt. In Hatties Synthese erreicht direkte Instruktion eine Effektstärke von .59 und liegt damit im oberen Bereich der stärksten Einflussfaktoren auf den Lernerfolg.
Praxistipp
Eine Anweisung vor dem Aussprechen mit der Frage prüfen: Lässt sie sich kürzer sagen? Meist fällt ein Drittel der Wörter weg, ohne dass Inhalt verloren geht.
Stolperstein
Zu hohes Tempo untergräbt jede noch so gute Struktur. Nach jeder Anweisung eine kurze Pause lassen, damit das Kind verarbeiten kann.
Material
Visualisierte Tagesstruktur Schrittkarten mit nummerierten Teilschritten. Checklisten für wiederkehrende Abläufe. Vereinbarte Handzeichen.
Referenzen
Nach: Selin Güler Primarschullehrerin und Translationsmanagerin bei BeLEARN
Quellen:
- Brunsting, M. (2011). Lernschwierigkeiten – Wie exekutive Funktionen helfen können. Grundlagen und Praxis für Pädagogik und Heilpädagogik (2., aktualisierte Auflage). Bern: Haupt Verlag (ISBN 978-3-258-07716-1). Zum Arbeitsgedächtnis vgl. Kapitel «Arbeitsspeicher» (S. 99 ff.), zur Selbststeuerung S. 110 ff. und 118.
- Sweller, J. (1988). Cognitive load during problem solving: Effects on learning. Cognitive Science, 12(2), 257–285. Zum Modell der drei Belastungsarten vgl. Sweller, J., van Merriënboer, J. J. G. & Paas, F. (1998, aktualisiert 2019).
- Mayer, R. E. (2009). Multimedia Learning (2. Auflage). Cambridge: Cambridge University Press.
- Hattie, J. (2009). Visible Learning: A synthesis of over 800 meta-analyses relating to achievement. London/New York: Routledge. Direkte Instruktion erreicht dort eine Effektstärke von .59.
- SZH und CSPS (2024). Aufmerksamkeitsdefizitstörung mit oder ohne Hyperaktivität im Schulalltag. Bern. Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.
- Universität Bern, Gute Lehre: Direkte Instruktion. https://www.gutelehre.unibe.ch/lehrtipps/addaptive_lehre/direrkte_instruktion
- Brand, A. (2025). Direkte Instruktion ist mehr als nur Frontalunterricht. Deutsches Schulportal. https://deutsches-schulportal.de/bildungsforschung/direkte-instruktion-ist-mehr-als-nur-frontalunterricht/