Mein Lernbuch: Ziele setzen und eigene Lernwege sichtbar machen
Das persönliche Lernbuch ist ein attraktiver, individuell gestalteter Lernbegleiter. Schüler*innen übersetzen gemeinsam verstandene Lernziele in eigene, sichtbare Lernwege: zum Beispiel als Raketenreise mit Planeten und Sternen, als Zugstrecke mit Stationen, als Bergweg oder als Schatzkarte. Sie halten fest, woran sie gerade arbeiten, woran sie erkennen können, dass ein Ziel erreicht ist, und machen erreichte Etappen sichtbar. Ziel ist, Lernziele verständlich und persönlich bedeutsam zu machen sowie Planung, Selbstständigkeit und die Wahrnehmung des eigenen Lernfortschritts schrittweise aufzubauen.
Eckdaten
Fach/Fachbereich: Fächerübergreifend
Schulstufe/n: Zyklus 1 und 2
Fokus: Tagträumen, Ablenkung
Umsetzung
Das Lernbuch sorgfältig einführen.
Das Lernbuch ist nicht einfach ein Heft, in das Kinder selbstständig Ziele schreiben sollen. Zielformulierung, Planung und das Beobachten des eigenen Lernwegs werden zunächst gemeinsam aufgebaut. Die Lehrperson modelliert mehrfach, wie aus einem Unterrichtsthema ein verständliches, erreichbares Ziel und daraus ein sichtbarer Lernweg entstehen kann.
Vom Unterrichtsziel zum Kinderziel.
Zu Beginn einer Lernphase werden die fachlichen Ziele mit der Klasse besprochen und in verständliche Teilziele übersetzt. Entscheidend ist, dass die Kinder wissen, was sie lernen und woran sie später erkennen können, dass sie einen Schritt geschafft haben.
Konkretes Beispiel: halbschriftliche Addition.
Arbeitet die Klasse in Mathematik an der halbschriftlichen Addition, können gemeinsam Ziele formuliert werden, zum Beispiel: «Ich kann Zahlen geschickt zerlegen.» – «Ich kann zwei Zahlen schrittweise addieren.» – «Ich kann meinen Rechenweg aufschreiben.» – «Ich kann erklären, warum mein Rechenweg funktioniert.» Erst nachdem die Ziele inhaltlich verstanden wurden, wählt oder formuliert das Kind ein persönliches Ziel für sein Lernbuch.
Zielformulierung anleiten.
Ein Ziel wie «Ich will besser in Mathe werden» ist noch zu offen. Die Lehrperson zeigt, wie daraus ein konkretes Ziel wird, beispielsweise: «Ich möchte halbschriftliche Additionen selbstständig lösen und meinen Rechenweg erklären können.» Je nach Alter und Unterstützungsbedarf können Kinder ein Ziel selbst formulieren, aus gemeinsam erarbeiteten Zielen auswählen oder mit Satzanfängen arbeiten. Die Unterstützung wird schrittweise reduziert.
Den eigenen Lernweg gestalten.
Das Ziel bekommt im Lernbuch eine bildliche Form. Ein Kind zeichnet beispielsweise eine Rakete und mehrere Planeten. Die Planeten stehen für Teilziele, Sterne für kleinere Zwischenschritte. Ein anderes Kind gestaltet eine Zugstrecke mit Bahnhöfen, einen Bergweg, eine Schatzkarte oder eine andere passende Darstellung. Es gibt bewusst nicht nur eine Vorlage für alle. Die Visualisierung soll dem Kind helfen, seinen Lernweg zu verstehen und gerne damit weiterzuarbeiten.
Vorher klären: Wann ist mein Ziel erreicht?
Zum Ziel gehört ein möglichst konkretes Erfolgskriterium. Das Kind überlegt mit der Lehrperson: «Woran merke ich, dass ich es kann?» Bei der halbschriftlichen Addition könnte dies beispielsweise sein: «Ich kann drei Aufgaben selbstständig lösen und meinen Rechenweg erklären.» Dadurch erhält das Ausmalen oder Markieren einer Etappe eine fachliche Bedeutung.
Erreichte Etappen sichtbar machen.
Wenn ein Teilziel erreicht wurde, kann das Kind den entsprechenden Planeten ausmalen, einen Stern ergänzen, einen Bahnhof markieren, die Rakete weiterzeichnen oder auf seinem Weg eine neue Etappe kennzeichnen. Der Lernweg wächst mit dem tatsächlichen Lernen. Frühere Etappen bleiben sichtbar und machen Entwicklung über die Zeit nachvollziehbar.
Das Lernbuch regelmässig zurückholen.
Das Lernbuch soll nach dem Eintragen eines Ziels nicht im Pult verschwinden. Zu passenden Zeitpunkten erhält die Klasse kurze Lernbuch-Zeiten: «Schau deinen Lernweg an. Wo bist du gerade? Hast du eine Etappe erreicht? Was ist dein nächster Schritt?» Das kann beispielsweise nach einer Übungsphase, vor einer neuen Lernsequenz oder am Ende einer Woche geschehen. Nicht jede Lektion braucht einen Eintrag.
Gestaltung und Inhalt verbinden.
Das Zeichnen ist kein Selbstzweck. Rakete, Zug oder Schatzkarte sind eine kindgerechte Form, um Ziele, Teilziele und Fortschritt sichtbar zu ordnen. Die Lehrperson achtet deshalb darauf, dass hinter jedem Symbol ein verständliches Lernziel oder ein sinnvoller Lernschritt steht.
Für die ganze Klasse, mit unterschiedlicher Unterstützung.
Alle Kinder können mit demselben Grundprinzip arbeiten, ohne dass alle dasselbe leisten müssen. Manche formulieren Ziele bereits selbstständig, andere wählen aus zwei oder drei gemeinsam besprochenen Zielen, erhalten Satzanfänge oder zeichnen zunächst einen vorgegebenen Lernweg weiter. So bleibt das Lernbuch ein gemeinsames Instrument, während der Unterstützungsgrad angepasst werden kann.
Auch fachübergreifende Ziele sind möglich.
Neben fachlichen Lernzielen können gelegentlich überfachliche Ziele aufgenommen werden, beispielsweise «Ich beginne nach dem Auftrag selbstständig mit der Arbeit» oder «Ich kontrolliere meine Aufgabe vor dem Abgeben». Der Schwerpunkt sollte jedoch auf wenigen, aktuell bedeutsamen Zielen liegen.
Das Lernbuch als Gesprächsgrundlage für Standortgespräche nutzen.
Das Lernbuch kann auch bei Standortgesprächen eingesetzt werden, um dem Kind eine aktive Rolle zu geben. Das Kind wählt beispielsweise einen oder mehrere seiner gestalteten Lernwege aus und erzählt anhand der eingezeichneten Stationen: Welches Ziel hatte ich? Wo habe ich begonnen? Welche Etappen habe ich bereits erreicht? Was ist mir besonders gut gelungen? Was hat mir geholfen? Wo bin ich noch unterwegs? Und was möchte ich als Nächstes erreichen?
Dabei kann es konkrete Seiten, Zeichnungen oder Lernprodukte zeigen. So wird das Gespräch nicht nur über das Kind geführt, sondern das Kind kann seinen eigenen Lernweg sichtbar machen und aus seiner Perspektive erklären. Die Lehrperson kann daran anknüpfen und gemeinsam mit dem Kind und den Eltern nächste Ziele oder unterstützende Strategien vereinbaren.
Wichtig:
Das Lernbuch ist weder Kontrollheft noch Sammlung von Defiziten. Es soll Neugier auf den eigenen Lernweg wecken und Fortschritt sichtbar machen. Die Lehrperson begleitet eng genug, damit Ziele realistisch und verständlich bleiben, gibt die Verantwortung aber zunehmend an das Kind weiter.
Material
Persönliches Lernbuch oder Ringheft; Stifte und Farbstifte; optional vorbereitete Bildimpulse oder einfache Vorlagen für Lernwege (Rakete und Planeten, Zug und Stationen, Bergweg, Schatzkarte); Satzanfänge oder Zielkarten zur Unterstützung der Zielformulierung; ausgewählte Lernprodukte als mögliche Belege für erreichte Etappen.
Referenzen
Nach: Selin Güler, Primarschullehrerin und Translationsmanagerin bei BeLEARN