Individuelle Lernpausen: wahrnehmen, wählen, bewegen, zurückkehren
Schüler*innen lernen, ihren eigenen Bewegungsbedarf wahrzunehmen und bei Bedarf selbstständig eine kurze, vereinbarte Lernpause einzusetzen. Ein klares System mit persönlichem Pausenkontingent, kurzer Selbsteinschätzung, Bewegungsauswahl und fester Rückkehrroutine verhindert, dass individuelle Pausen zu beliebigen Unterbrechungen oder gemeinsamen «Freund*innen-Pausen» werden. Ziel ist, Bewegung bedarfsgerecht zu ermöglichen und gleichzeitig Selbststeuerung und Eigenverantwortung aufzubauen.
Eckdaten
Fach/Fachbereich: Fächerübergreifend
Schulstufe/n: Zyklus 1 und 2
Fokus: Hyperaktivität, Impulsivität, Ablenkung
Umsetzung
Grundidee. Nicht alle Kinder brauchen zur gleichen Zeit eine Pause. Ein einfaches, für die ganze Klasse geltendes System ermöglicht kurze individuelle Bewegungspausen und verbindet diese mit Selbstwahrnehmung und klaren Abmachungen.
1. Persönliches Kontingent sichtbar machen.
Jedes Kind erhält zu Beginn des Tages beispielsweise zwei persönliche Lernpausen-Chips oder Karten. Ein Chip wird nur dann eingelöst, wenn das Kind eine individuelle Bewegungspause tatsächlich braucht. Nicht verwendete Pausen müssen nicht nachgeholt oder am Tagesende «aufgebraucht» werden.
2. Vor der Pause kurz innehalten.
Vor dem Einlösen macht das Kind einen kurzen Selbstcheck: Kann ich gerade noch gut weiterarbeiten? Braucht mein Körper Bewegung? Hilft mir eine kurze Bewegung, danach wieder weiterzuarbeiten? Der Check soll wenige Sekunden dauern und mit der Zeit zunehmend selbstständig erfolgen.
3. Die Entscheidung gehört dem Kind.
Eine zentrale Klassenregel lautet: «Ich mache meine Lernpause, wenn sie mir hilft, nicht, weil jemand anderes gerade Pause macht.» Individuelle Lernpausen werden deshalb nicht mit Freund*innen verabredet. So bleibt der Fokus auf dem eigenen Bedarf statt auf dem sozialen Reiz der Pause.
4. Bewegung selbstständig auswählen.
Nach dem Einlösen wählt das Kind eine kurze vereinbarte Bewegung aus. Dafür können Bewegungskarten, eine Bewegungsecke oder ein digitales Auswahltool wie Genially eingesetzt werden. Eine kleine, übersichtliche Auswahl verhindert, dass die Suche nach einer Übung selbst zur Ablenkung wird.
5. Klare Abmachungen für die ganze Klasse.
Vor der Einführung wird gemeinsam festgelegt: In welchen Unterrichtsphasen dürfen individuelle Lernpausen genutzt werden? Welche Orte und Übungen sind erlaubt? Wie lange dauert eine Pause? Wie viele Kinder dürfen gleichzeitig einen Bewegungsbereich nutzen? Was passiert, wenn dieser bereits belegt ist? Die Regeln gelten transparent für alle.
6. Gleichzeitigkeiten begrenzen.
Für Bewegungsecke oder Bewegungsstationen kann eine feste Anzahl Plätze sichtbar gemacht werden. Sind diese belegt, wählt das Kind eine Bewegung am eigenen Platz oder wartet mit dem Einlösen seines Chips. So muss die Lehrperson nicht jede Pause einzeln steuern.
7. Die Rückkehr gehört zur Pause.
Jede Lernpause endet mit derselben Rückkehrroutine: Bewegung beenden → Material zurücklegen → an den Arbeitsplatz zurückkehren → Aufgabe bzw. letzten Arbeitsschritt anschauen → weiterarbeiten. Die Rückkehr wird zu Beginn ebenso eingeübt wie die Bewegung selbst.
8. Erst gemeinsam üben, dann Verantwortung abgeben.
Das System wird zunächst mit der ganzen Klasse modelliert. An Beispielen wird besprochen, wann eine Lernpause hilfreich sein kann und wann eher nicht. Die Lehrperson begleitet die Entscheidungen anfangs stärker und gibt Verantwortung schrittweise ab.
9. Individuell anpassen.
Ein bis zwei Lernpausen pro Tag können ein praktikabler Ausgangspunkt sein, sind aber keine starre Vorgabe. Häufigkeit, Dauer und Bewegungsform können je nach Alter, Unterrichtssituation und individuellem Bedarf angepasst werden. Entscheidend ist, dass die Abmachungen klar und für das Kind nachvollziehbar bleiben.
Ziel. Langfristig soll das Kind nicht lernen, möglichst viele Pausen einzulösen, sondern den eigenen Bewegungsbedarf zunehmend wahrzunehmen, eine passende Strategie auszuwählen und anschliessend selbstständig ins Lernen zurückzukehren.
Material
Pro Kind 1–2 Lernpausen-Chips oder Karten; Bewegungskarten; optional Bewegungsecke und/oder digitales Auswahltool wie Genially; bei Bedarf sichtbare Platzmarkierungen für begrenzte Bewegungsstationen.
Referenzen
Nach: Selin Güler, Primarschullehrerin und Translationsmanagerin bei BeLEARN
Quelle:
- Bundesamt für Sport BASPO (2023). Bewegte Schule: Schule als bewegter und bewegender Lern-, Lebens- und Arbeitsort. https://www.baspo.admin.ch/de/bewegte-schule-schule-als-bewegter-und-bewegender-lern-lebens-und-arbeitsort