Bewegung, die konzentriert neu

Konkrete Materialien und Umsetzungsideen, mit denen Lehrpersonen den Bewegungsdrang von Schüler*innen mit Hyperaktivität kanalisieren, statt ihn zu unterbinden. Ziel ist, dass die Kinder ihre Unruhe in unauffällige Bewegung umsetzen können und dadurch länger bei der Sache bleiben.

Eckdaten

Fach/Fachbereich: alle Fachbereiche

Schulstufe/n: Zyklus 1 und 2

Lehrplanbezug: überfachliche Kompetenzen

Fokus: Hyperaktivität, Ablenkung

 

 

Digitalisierung Bildung; KI Bildung, Digitale Bildung, Kompetenzzentrum; KI; Bildungsforschung, Schule, Bewegung, die konzentriert Bildquelle: KI-generiert mit ChatGPT (OpenAI), 2026

Umsetzung

Warum Bewegung hilft
Starker Bewegungsdrang gilt oft als reine Störung, die das Lernen behindert. Neuere Forschung zeichnet ein anderes Bild. Übermässige grobmotorische Aktivität wird nicht nur als beeinträchtigendes Defizit verstanden, sondern als möglicher Kompensationsmechanismus, der die neurokognitive Verarbeitung bei Kindern mit ADHS unterstützt. Höhere spontane Bewegungsraten sagten bei diesen Kindern eine bessere phonologische Arbeitsgedächtnisleistung voraus. Für die Praxis heisst das: Bewegung ganz zu unterbinden, kann kontraproduktiv sein. Sinnvoller ist, sie in Formen zu lenken, die den Unterricht nicht stören.

Materialien und Angebote
Bewegung im Sitzen: Sitzball oder Wackelkissen erlauben kleine, ständige Ausgleichsbewegungen. Auf dem Therapieball blieben unruhige Kinder länger am Platz sitzen und schrieben mehr lesbare Wörter, Lehrperson und Kinder bevorzugten mehrheitlich den Ball. In einer weiteren Studie mit acht Kindern mit Aufmerksamkeitsschwierigkeiten stieg die Zeit, die sie sitzen blieben, im Schnitt von 45 auf 94 Prozent, das aufgabenbezogene Verhalten von 10 auf 80 Prozent. Das Wackelkissen ist die unauffälligere und günstigere Variante, weniger breit belegt, aber in dieselbe Richtung wirkend. Therabänder oder Fitnessbänder zwischen den vorderen Pult oder Stuhlbeinen geben den Füssen einen leisen Bewegungsauslass, das Kind kann dagegen treten oder wippen, ohne aufzustehen. Sie sind günstig, schnell montiert und kaum hörbar. Die Studienlage ist gemischt: Eine Untersuchung mit Kindern der 3. und 4. Klasse fand, dass sonst weniger engagierte Schüler*innen mit dem Band eher bei der Aufgabe blieben, andere fanden keinen messbaren Effekt. Einen Versuch wert, besonders bei starkem Bewegungsdrang in den Beinen, aber keine Garantie. Ein Bewegungshocker erlaubt zudem leichtes Kippen und Wippen im Sitzen.

 

Stehen und Bewegungsecke: Ein Stehpult oder eine kleine Bewegungsecke bietet Kindern die Möglichkeit, phasenweise im Stehen zu arbeiten oder kurz die Position zu wechseln, und gibt dem Bewegungsdrang einen klaren Ort. Ein Minitrampolin eignet sich für kurze, kräftige Bewegung zwischen zwei Arbeitsphasen. Bewegungspedale unter dem Pult, also ein kleiner Pedaltrainer, erlauben Treten im Sitzen, erste Hinweise sind positiv, breit belegt ist es noch nicht. Ein Balancierbrett oder Wackelbrett fördert Gleichgewicht und Körperspannung. Eine Gewichtsdecke oder ein Gewichtsplüschtierchen wirkt als ruhiger Gegenpol, manche Kinder empfinden tiefen Druck als angenehm, andere nicht, deshalb individuell, freiwillig und mit Blick auf eine sichere Anwendung einsetzen.

 

Einsatz im Alltag
Bewegung präventiv einplanen: Bewegung nicht erst anbieten, wenn die Unruhe bereits gross ist. Besonders vor längeren Konzentrationsphasen lohnt sich eine kurze Bewegungseinheit. So wird Bewegung Teil des Unterrichtsrhythmus und nicht erst zur Reaktion auf störendes Verhalten.

Passendes Hilfsmittel auswählen und beobachten: Nicht möglichst viele Hilfsmittel gleichzeitig anbieten. Ausgangspunkt ist die Frage, welche Art von Bewegung das Kind gerade braucht, also Bewegung der Beine, häufige Positionswechsel, kleine Bewegungen während der Arbeit oder kurze intensive Pausen. Mit einem passenden Angebot starten und vorher überlegen, woran erkennbar wird, ob es hilft. Beobachten lässt sich zum Beispiel, ob das Kind länger bei der Aufgabe bleibt, seltener unkontrolliert aufsteht, konzentrierter weiterarbeitet, das Hilfsmittel selbstständig und angemessen nutzt, andere Kinder dadurch nicht gestört werden und ob das Hilfsmittel selbst zur Ablenkung wird. Nach einer vereinbarten Zeit gemeinsam mit dem Kind auswerten, und dabei nicht nur fragen, ob ihm das Hilfsmittel gefällt, sondern etwa: «Konntest du damit besser arbeiten?», «Hat dein Körper die Bewegung gebraucht?» oder «Hat es dich manchmal auch abgelenkt?» So lernt das Kind zunehmend, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und passende Strategien auszuwählen.

Klare Nutzungsregeln vereinbaren: Hilfsmittel funktionieren besser, wenn ihre Funktion von Anfang an klar ist. Eine einfache Grundregel kann lauten, dass das Kind das Hilfsmittel nutzen darf, solange es ihm beim Arbeiten hilft und andere nicht beim Lernen stört. Neue Materialien kurz gemeinsam einüben und zeigen, wie sie genutzt werden und was nicht vorgesehen ist. Das verhindert, dass aus einem Bewegungshilfsmittel schnell ein Spielzeug wird.

Bewegungskarte und klare Abmachungen einführen: Das Kind erhält die Möglichkeit, einen vereinbarten Bewegungsauftrag selbstständig zu nutzen, beispielsweise mit einer Bewegungskarte oder einem unauffälligen Zeichen. Damit darf es kurz aufstehen, eine vereinbarte Runde gehen, etwas holen oder eine andere kurze Bewegungsaufgabe ausführen, ohne jedes Mal vor der Klasse um Erlaubnis bitten zu müssen.

Wichtig ist, die Nutzung gemeinsam mit dem Kind im Voraus klar zu vereinbaren: Wann darf die Karte eingesetzt werden? Welche Bewegungsmöglichkeiten stehen zur Auswahl? Wo darf sich das Kind bewegen? Wie lange dauert die Bewegungspause? Und woran erkennt das Kind, dass es anschliessend wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehrt?

Die Abmachungen sollten einfach, konkret und im Alltag gut umsetzbar sein. Beispielsweise kann vereinbart werden, dass das Kind die Karte sichtbar auf das Pult legt, eine bestimmte Bewegungsaufgabe ausführt und danach selbstständig weiterarbeitet. Je nach Kind kann auch festgelegt werden, wie häufig die Karte innerhalb einer Lektion oder eines Vormittags eingesetzt werden kann.

Ziel ist nicht, Bewegung als Belohnung für erledigte Arbeit einzusetzen.

 

Bewegung wird als legitime Unterstützung des Lernens eingeplant. Gleichzeitig geben die vereinbarten Grenzen Orientierung und verhindern, dass die Bewegungspause selbst zur Ablenkung für das Kind oder die Klasse wird. Mit zunehmender Selbststeuerung können die Abmachungen gemeinsam angepasst oder gelockert werden.

 

Wichtig: Die Karte sollte nicht erst dann eingesetzt werden, wenn das Kind bereits sehr unruhig ist. Idealerweise lernt das Kind zunehmend wahrzunehmen, wann ihm eine kurze Bewegung hilft, anschliessend wieder weiterzuarbeiten. So wird aus der Karte langfristig auch ein Instrument zur Selbstregulation.

 

Übergänge zurück zur Arbeit gestalten: Nach stärkerer Bewegung gelingt der unmittelbare Wechsel in eine anspruchsvolle Aufgabe nicht jedem Kind gleich gut. Ein kurzer, immer ähnlicher Ablauf hilft, also Bewegung beenden, Material bereitlegen, den Arbeitsplatz einnehmen und mit einem klar definierten ersten Schritt beginnen. Ein visueller Timer unterstützt kurze Bewegungsphasen. Je vorhersehbarer der Übergang ist, desto weniger zusätzliche Steuerung braucht es durch die Lehrperson.

 

Für alle einführen, nicht für einzelne
Am besten werden diese Materialien und Abläufe für die ganze Klasse eingeführt, mit einem kurzen Erklären, wozu sie da sind und wie sie genutzt werden. «Für alle» heisst dabei nicht, dass alle dasselbe brauchen oder gleichzeitig nutzen. Vielmehr lernen die Schüler*innen, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Dinge brauchen, um gut arbeiten zu können. Ein einzelnes Kind soll nicht abgestempelt werden als das Kind, das als Einziges auf dem Ball sitzen, das Band nutzen oder in die Bewegungsecke darf.

 

Praxistipp für die Einführung
Mit einem einzigen Material oder einer einzigen Strategie starten und eine klare Abmachung treffen, nicht Sitzball, Theraband, Bewegungskarte und Fidget gleichzeitig. Das Angebot rund zwei Wochen erproben und dabei ein oder zwei konkrete Beobachtungskriterien festlegen. Danach gemeinsam mit dem Kind entscheiden, ob es hilft, ob etwas angepasst werden muss oder ob eine andere Strategie besser passt. Als einfacher Ablauf eignet sich: Bedarf erkennen, eine Strategie auswählen, Nutzung erklären, ausprobieren, beobachten, gemeinsam auswerten, anpassen.

 

Material

Materialien für am Arbeitsplatz

 

Materialien für die Bewegungsecke

 

Materialien für die Leseecke

 

Sonstiges

Referenzen

Nach: Selin Güler, Primarschullehrerin und Translationsmanagerin bei BeLEARN

Quellen:

  • Sarver, D. E., Rapport, M. D., Kofler, M. J., Raiker, J. S., & Friedman, L. M. (2015). Hyperactivity in Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder (ADHD): Impairing Deficit or Compensatory Behavior? Journal of Abnormal Child Psychology, 43(7), 1219–1232.
  • Schilling, D. L., Washington, K., Billingsley, F. F., & Deitz, J. (2003). Classroom seating for
  • children with attention deficit hyperactivity disorder: Therapy balls versus chairs. American Journal of Occupational Therapy, 57(5), 534–541.
  • Fedewa, A. L., & Erwin, H. E. (2011). Stability balls and students with attention and hyperactivity concerns: Implications for on-task and in-seat behavior. American Journal of Occupational Therapy, 65(4), 393–399.
  • Bisson, J., Pilcher, J., & Sanborn, S. (2017). Wiggle While You Work: The Effect of Bouncy Band Use on Classroom Outcomes. Clemson University.
  • Daly-Smith, A. J., Zwolinsky, S., McKenna, J., Tomporowski, P. D., Defeyter, M. A., & Manley, A. (2018). Systematic review of acute physically active learning and classroom movement breaks on children’s physical activity, cognition, academic performance and classroom behaviour. BMJ Open Sport & Exercise Medicine, 4(1), e000341.
  • SZH und CSPS (2024). Aufmerksamkeitsdefizitstörung mit oder ohne Hyperaktivität im Schulalltag. Bern. Lizenz CC BY-NC-SA 4.0. https://www.szh.ch