Input-Abend 3
Rückblick auf die dritte Veranstaltung (06.05.2026) – Digitale Möglichkeiten im Unterricht mit Rolf Gehriger (Oberstufenschule Hünibach)
Zusammenfassung des Abends
Der dritte Input-Abend von EduTransform Primarstufe stellte die pädagogische Praxis ins Zentrum: Wie nutzen wir digitale Medien, um jedes Kind dort abzuholen, wo es steht? Rolf Gehriger ist seit 35 Jahren Lehrperson und Schulleiter. Er führte durch einen Abend, der bewusst keine fertigen Rezepte lieferte: «Wir sind eine ganz gewöhnliche Schule. Manches machen wir gut, anderes gar nicht. Andernorts seid ihr besser. Es geht um den Austausch.»
Trends: Personalisierung als pädagogische Antwort
Rolf Gehriger eröffnete seinen Input mit einer wichtigen Klarstellung: Er sei weder Betty Bossi noch ausgebildeter Koch, gebe also keine Rezepte und kein fertiges Buffet ab. Stattdessen lege er ein Mise en place bereit. Zutaten, aus denen jede*r das Passende für die eigene Schule herausgreifen könne. In diesem Geist stellte er sechs Grundpfeiler vor, die sich als Trends durch seinen Vortrag zogen.
Sobald man Schulentwicklung von den Problemen aus denkt, kommt man nicht voran. Wer sich auf das Schwierige und Nichtfunktionierende fokussiert, hat verloren. Schulentwicklung gelingt, wenn sie aus Motivation und Freude wächst und nicht aus Angst und Defiziten. Das gilt für die Haltung gegenüber dem eigenen Kollegium genauso wie gegenüber der eigenen Arbeit. Wer Angst hat, braucht Respekt und Unterstützung. Wer Potenzial mitbringt, soll dieses einbringen können. Und wer Widerstand zeigt, hat dafür meist einen Grund, der ernst genommen werden will.
Denkanstoss: Wenn ich an die letzte Sitzung in meinem Kollegium zurückdenke – bin ich dort vom Problem oder vom Potenzial ausgegangen?
Beat Döbelis (2017) Konzept des Leitmedienwechsels prägt Rolfs Gehrigers Sicht: Früher war das Buch die zentrale Wissensquelle, die einzige Möglichkeit für viele Eltern, ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen. Heute steht eine Vielfalt an Quellen zur Verfügung. Wichtig ist die Haltung. Das Buch bleibt wertvoll, aber es wird ergänzt, nicht ersetzt. Wer heute nur noch digital arbeiten will, verkennt den Wert analoger Werkzeuge genauso wie diejenigen, die alles Digitale ablehnen. Es gilt: Schulentwicklung braucht Geduld und den langen Atem.
Denkanstoss: Welches analoge Werkzeug nutze ich heute aus Gewohnheit, obwohl eine digitale Erweiterung den Lernprozess bereichern würde – und welches digitale Tool nutze ich, obwohl die analoge Variante besser wäre?
Rolfs Gehrigers Schule hat 25 Jahre lang das Berner Schulmodell 3a praktiziert und hat dann auf Modell 4 umgestellt (mehr Informationen). Dieser Wechsel hat bei vielen für Unverständnis gesorgt: Wie kann man so sowohl den starken wie den schwachen Schüler*innen gerecht werden? Denn homogene Gruppen gibt es nach Rolf Gehriger schlicht nicht. Das bedeutet, es gilt dieser Heterogenität zu begegnen. Digitale Medien sind hier ein Hebel und ermöglichen Differenzierung, ohne dass für jedes Kind ein eigener Plan von Hand «gebastelt» werden muss. So werden digitale Medien zu einer Unterstützung, ohne dass der Anspruch der individuellen Förderung Lehrpersonen überfordert.
Denkanstoss: Wo in meinem Unterricht erlebe ich Heterogenität heute als Belastung – und wo könnte ein digitales Werkzeug die Belastung beseitigen?
Die Frage ist nicht mehr, ob man mit oder ohne KI arbeitet, sondern, «Was mache ich?», «Warum mache ich es?». KI bietet in allen Fächern Anknüpfungspunkte. Wichtig ist die fachliche Verifizierung. Als Fachperson muss man das Ergebnis prüfen, bevor man es einsetzt. Reflektierter Einsatz braucht Mut zur Nutzung und Klarheit über den Zweck.
Denkanstoss: Wo könnte KI in meinem Unterricht etwas ermöglichen, das ohne sie gar nicht denkbar wäre?
Pädagogik bleibt das Zentrum, digitale Medien sind der Hebel, um jedes Kind dort abzuholen, wo es steht. Statt eines „entweder/oder“ geht es um ein „von welchem ein bisschen weniger, von welchem ein bisschen mehr“». Personalisierung soll dabei entlang der folgenden Achsen zunehmen:
- Lernziele: nicht für alle die gleichen
- Steuerung: auch durch die Lernenden, nicht nur durch die Lehrperson
- Tempo: nicht als Killer-Faktor, der den Alltag bestimmt
- Sozialformen: kooperatives Lernen verankert tiefer
- Verbindungen zur Aussenwelt: konkrete Situationen statt nur Schulbuchaufgaben
Denn da ist sich Rolf Gehriger sicher:
Wenn man es gut macht, profitieren alle Schüler*innen der Klasse.
Denkanstoss: Auf welcher dieser fünf Achsen ist meine Klasse heute schon personalisiert unterwegs – und welche Achse würde sich als Nächstes lohnen?
Wer wartet, bis alle im Kollegium befähigt und gewillt sind, ist pensioniert, bevor sich etwas bewegt. Die Botschaft ist deutlich: Mutig sein, etwas ausprobieren, vielleicht alleine, vielleicht zu dritt, vielleicht in grösseren Gruppen. Auch ein gescheiterter Versuch ist eine Erkenntnis, die man im Kollegium teilen kann. Berichte aus der Praxis «das hat nicht funktioniert» oder «wir haben zuerst das gemacht, dann sind wir dort gelandet», sind genauso wertvoll wie Erfolgsgeschichten. Wichtig ist, Ängsten Raum zu geben, ohne sich von ihnen lähmen zu lassen.
Denkanstoss: Welcher kleine Versuch in meinem Unterricht würde mir gerade genug Mut abverlangen und gleichzeitig im Worst Case nur eine wertvolle Erkenntnis hinterlassen?
Die sechs Grundpfeiler von Rolfs Vortrag verbinden sich zu einer gemeinsamen Erkenntnis.
Weg von einer Schule, die auf homogene Gruppen, einheitliches Tempo und Defizitdenken setzt, hin zu einer Schule, die Heterogenität anerkennt, Personalisierung als Mehrachsenmodell denkt und Lehrpersonen ermutigt, mit digitalen Werkzeugen ins Handeln zu kommen. Konkret heisst das:
- Schulentwicklung positiv formulieren, auch dort, wo es schwierig wird
- Digitale Medien als Ergänzung, nicht als Ersatz verstehen
- Heterogenität technisch und didaktisch begleiten und nicht bekämpfen
- KI bewusst und mit klarem Zweck einsetzen, statt sie pauschal zu verbieten oder zu verklären
- Personalisierung schrittweise auf mehreren Achsen aufbauen
- Den Mut zum Ausprobieren institutionalisieren
Tools: Werkzeuge, die im Schulalltag funktionieren
Agile Schulentwicklung gibt Schulen eine klare Struktur, um Veränderungen schrittweise und wirksam zu gestalten. Das Modell beruht auf einem Zyklus aus vier Phasen. Der immer wieder durchlaufen wird:
- Herausforderungen formulieren: Bedürfnisse klären und den Möglichkeitsraum öffnen.
- Umsetzungs-Sprint: in kleinen Schritten ausprobieren und testen.
- Ergebnis: Sichtbare Meilensteine schaffen
- Retrospektive: reflektieren und den nächsten Sprint schärfen.
Ein agiles Vorgehen zeichnet sich dadurch aus, dass es iterativ, nutzerorientiert und progressiv ist. Das Leben einer gemeinsamen Entwicklungskultur im Kollegium wird durch die Bildung von Gewohnheiten aus einzelnen Schritten massgeblich begünstigt.
Den vollständigen Artikel mit allen Informationen finden Sie unter folgendem Link.
Wie geht ein Kollegium mit neuen Technologien um? Die Bleistift-Metapher von Lindy Orwin (deutsche Übersetzung von OERinfo) ist ein anschauliches Bild dafür, dass nicht alle Lehrpersonen im gleichen Tempo auf Veränderungen reagieren und jede Haltung ihre eigene Funktion im Team hat.
Der Bleistift besteht aus sechs Bereichen, die typische Rollen bei der Einführung neuer Technologien beschreiben.
- Die Spitze: Sie sind die ersten, die Neues ausprobieren, teilen ihre Erfahrungen offen und nehmen Fehler in Kauf.
- Die Scharfsinnigen: Sie beobachten die Spitze, übernehmen das Beste und entwickeln daraus tragfähige Lösungen.
- Der Schaft: Sie würden mitgehen, wenn andere die Technologie einrichten und am Laufen halten.
- Die Muffen: Sie halten an Bewährtem fest. Neue Technologien haben in ihrem Unterricht keinen Platz.
- Die Anhängsel: Sie kennen die Fachbegriffe und besuchen Weiterbildungen, setzen aber selbst kaum etwas um.
- Die Radierer: Sie versuchen, die Arbeit der Spitze rückgängig zu machen oder zu blockieren.
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Die didaktischen Schieberegler nach Prof. Dr. em. Hilbert Meyer sind ein einfaches Reflexionsinstrument für Lehrpersonen. Auf der Seite didaktische-schieberegler.de werden sie unter den Bedingungen der Digitalität neu gedacht und lassen sich als interaktive Schieberegler nutzen, um eigene Unterrichtssettings einzuordnen und im Team zu diskutieren.
Die zehn Merkmale im digitalen Zeitalter:
- Offene Strukturen: Auflösung starrer Lektionen- und Fächerstrukturen zugunsten flexibler Lernpfade
- Echte Lernzeit: Lernende investieren ihre Zeit in eigene Lernprozesse statt in Wartezeiten
- Lernförderliches Klima: geprägt von Vertrauen, Respekt und gegenseitiger Unterstützung (online & offline)
- Inhaltliche Klarheit: Lehrende stellen ein klares Lernangebot bereit, ergänzt durch passende digitale Tools
- Kommunikation: als Grundlage des Lernens, orientiert an den 4K (Kommunikation, Kollaboration, Kreativität, kritisches Denken)
- Methodenvielfalt: Lernende wählen selbstständig passende Methoden aus und bewerten sie
- Individualisierung: Lernen im eigenen Tempo, Heterogenität als Chance verstehen
- Training: Wissen, Können und Haltungen werden zu echten Kompetenzen verdichtet
- Formative Rückmeldung: Arbeiten, Reflexionen und Feedback werden im e-Portfolio sichtbar
- Vorbereitete (digitale) Lernumgebung: durchdacht gestaltete analoge und digitale Lernräume und passenden Materialien
Die Schieberegler helfen, Unterricht bewusst zu positionieren: nicht «entweder analog oder digital», sondern situativ und reflektiert dort, wo es für die Lernenden am sinnvollsten ist.
Das SAMR-Modell dient Lehrpersonen als Instrument, um die Integration digitaler Medien in Lernangeboten und bei Aufgaben zu reflektieren. Es benennt vier Nutzungsarten, die sich gegenseitig ergänzen und je nach Situation Anwendung finden:
- Substitution (Ersetzen): Digitale Medien ersetzen analoge Arbeitsmittel ohne funktionale Änderung (z. B. Text am Computer statt im Heft).
- Augmentation (Erweitern): Digitale Medien bringen zusätzliche Funktionen, die den Lernprozess verbessern (z. B. Rechtschreibprüfung, einfaches Überarbeiten von Texten, formatives Feedback).
- Modification (Umgestalten): Aufgaben werden bedeutsam umgestaltet und ermöglichen z. B. kollaboratives Schreiben in Echtzeit über digitale Tools.
- Redefinition (Neugestalten): Völlig neue Aufgabenformate entstehen, die analog nicht denkbar wären (z.B. ein Schüler-Blog mit realem Publikum und echtem Feedback aus dem Netz).
Die vier Nutzungsarten stellen keine Hierarchie dar. Nicht jede Nutzung ist in jeder Situation sinnvoll, entscheidend ist die didaktische Passung. Das SAMR-Modell entfaltet seine Wirkung am besten als Planungsinstrument: Welche Kompetenzen (Kommunikation, Kollaboration, kritisches Denken, Kreativität) sollen gefördert werden? Welche Aufgaben passen dazu? Welche Tools oder Apps unterstützen sinnvoll und auf welcher Schulstufe?
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Digitale Tools für die Schulpraxis
Hier folgt eine Auswahl an digitalen Tools, die in der Schule Hünibach zum Einsatz kommen.
Transfer: Vom Abend in die Schulrealität
Auch der dritte Input-Abend endetet mit konkreten nächsten Schritten. Die Schulteams zogen sich zurück und hielten fest, was sie für ihre Schule mitnehmen. Die Ziele sind so unterschiedlich wie die Schulen selbst. Drei Erkenntnisse ziehen jedoch durch fast alle Rückmeldungen: Tools bewusst auswählen, Wissen im Kollegium teilen und die richtige Haltung zum Wandel finden.
Viele Schulen wollen Ordnung in die Tool-Landschaft bringen, statt einfach Neues hinzuzufügen. Eine Schule nimmt sich vor, Tools und Apps systematisch zu sammeln und entlang klarer Fragen zu vergleichen: Wer braucht was? Welcher Zyklus? Welche Kosten? Welcher Nutzen? Andere wollen die am Abend vorgestellten Tools im Kollegium bekannt machen und bei der Auswahl von Workshops «den Puls des Kollegiums treffen». Eine Schule formuliert den Wunsch auf ihr zukünftiges Ich: «Wir [die Schule von heute] hoffen, ihr [die Schule der Zukunft] habt mittlerweile die richtigen Tools geprüft und herausgefunden, wie ihr eure Visionen umsetzten könnt.
Auffällig oft fällt der Name Fobizz. Mehrere Schulen wollen die Plattform gezielt testen, bevor sie breit eingeführt wird. Einige Schulen setzten zusätzlich auf niederschwellige kurze und freiwillige Fobizz-Impulse durch die SMI.
Ein wiederkehrender Gedanke ist, den Austausch zwischen den Sitzungen lebendig zu halten. Eine Schule führt «Digisnacks» ein, also kurze Inputs der SMI zwischen den Gesamtsitzungen, deren Auswertung die Schulleitung übernimmt. Eine andere Schule möchte die Begeisterung ins Team tragen aber ohne Eile und Zeitdruck.
Für mehrere Schulen ist klar, dass die digitale Transformation mehr als eine Frage der Tools ist. Eine Schule beschreibt sie als «Transformation der Personen, der Haltung, der Perspektiven und der Erwartungen» und verweist dabei auf den Referenten des Abends, dessen Begeisterung ansteckend wirkt. Eine andere Schule richtet ihren Blick auf die Lernenden: «Wir als Schule möchten die Kinder auf eine digitale Zukunft vorbereiten und dabei als Lehrpersonen und Schulleitung motiviert vorangehen.» Eine dritte Schule fasst die nötige Grundhaltung in zwei Worten zusammen: «Neugierig bleiben».
Eindrücke des Abends
Materialien
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