Grafos und Dynamico

Die PHBern und die EFPL forschen beide im Bereich der Grafomotorik. Auf der Grundlage der beiden Instrumente Grafos und Dynamico arbeiten sie zusammen. Diese Kooperation liegt auf der HandDie PHBern bringt ihre langjährige Forschungserfahrung in der Grafomotorik und die pädagogische bzw. heilpädagogische Expertise ein. Die EPFL wiederum ist stark bei kreativen technischen Lösungen für die Diagnostik und Förderung der Grafomotorik. Dynamico nutzt Algorithmen des maschinellen Lernens, um bei Kindern Schwierigkeiten beim Schreiben zu identifizieren und sie dann bei deren Verbesserung zu unterstützen. 

 

Grafomotorische Kompetenzen, welche in einer engen Wechselwirkung mit den Exekutiven Funktionen (EF) und der Sprache stehen, bilden eine wichtige Grundlage für das schulische Lernen sowie für die Teilhabe an Bildung, Gesellschaft und Kultur. An der PHBern wird seit vielen Jahren im Bereich der Grafomotorik geforscht. Es wurden das Diagnostikinstrument GRAFOS und das Konzept Grafomotorik und Inklusion GRAFINK entwickelt. Da eine Metaanalyse zeigt, dass der Einsatz von Technologie im Rahmen des Handschrifterwerbs eine der zielführenden Methoden sein kann, wurden in Zusammenhang mit der Entwicklung des Konzepts GRAFINK Lernapps zur Förderung der Grafomotorik gründlich untersucht. Keines der vorhandenen Lernapps kann die fachlich zentralen Kriterien vollumfänglich erfüllenParallel dazu wurde an der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) die vielversprechende App «Dynamico» entwickelt. Das Tool beinhaltet diagnostische Aspekte und Spiele zur Förderung und wird laufend weiterentwickelt. Entsprechend besteht die Möglichkeit, die App aus pädagogischer und heilpädagogischer Sicht mitzugestalten. Für die PHBern ist die Erweiterung der Diagnostik- und Förderkonzepte auf der Basis der eigenen Fachexpertise von hoher Bedeutung. Zudem ergänzt Dynamico das an der PHBern entwickelte Diagnostikinstrument «GRAFOS» insofern, dass das Schreiben von kurzen Texten untersucht wird.  

 

Im vergangenen Jahr führten die PHBern und die EPFL gemeinsam ein erstes Pilotprojekt durch. Die beiden Erfassungsinstrumente GRAFOS und «Dynamico» wurden mit Kindern von 1. und 2. Klassen durchgeführt und verglichen. Erste Ergebnisse zeigen Zusammenhänge aber auch Unterschiede auf. Die kleine Stichprobe lässt jedoch noch keine schlüssigen Aussagen zu. Dafür müssen beide Tests mit mehr Kindern durchgeführt werden. Auch im Bereich der Weiterentwicklung der Dynamico Förderspiele hat bereits eine Zusammenarbeit stattgefunden. Damit diese Spiele im schulischen Umfeld sinnvoll eingesetzt und in Bezug zur individuellen Entwicklung der Kinder angewendet werden können, bedarf es der Zusammenarbeit zwischen Pädagogik und Technik. Das Ziel ist es, technische und analoge Möglichkeiten der Förderung so in den Schulalltag einzubauen, dass möglichst viele Kinder beim Erlangen einer geläufigen und leserlichen Handschrift angepasst unterstützt werden können.

 

Begriffserklärungen

 

Grafomotorik:

Grafomotorische Fähigkeiten bzw. Schreibbewegungen bilden Voraussetzungen für das Erlernen des Handschreibens. Unter Grafomotorik wird in Anlehnung an Vetter et al. (2010) eine “mit individuellem Ausdruck versehene, psychisch regulierte und sozial-kommunikative Handlung” verstanden. Auf dieser Basis wird die Differenzierung grob- und feinmotorischer sowie sensorischer Fähigkeiten entwickelt. “In diesem Sinne stellt Grafomotorik eine komplexe psychomotorische Anforderung dar und ist für Kinder eine mehrdimensionale Entwicklungsaufgabe, die das Ineinandergreifen von bereits erworbenen und neuen Fähigkeiten und Fertigkeiten verlangt. Grafomotorik ist Voraussetzung für den Schriftspracherwerb und somit die Voraussetzung für die Teilhabe an Bildung, Gesellschaft und Kultur” (Vetter et al., 2010, S.20). Für den Erwerb grafomotorischer Fähigkeiten und Fertigkeiten sind die perzeptive, motorische, kognitive und sozial-emotionale Entwicklung sowie, sobald es nicht um Vorläuferfertigkeiten und um effektiven sprachlichen Ausdruck geht, die Sprachentwicklung zentral.

 

Exekutive Funktionen und Grafomotorik

Die Automatisierung grafomotorischer Fähigkeiten findet in enger Verflechtung Exekutiver Funktionen (EF), sprachlicher und motorischer Prozesse statt (McClelland & Cameron, 2019).

 

Es zeigen sich bedeutsame Zusammenhänge zwischen EF und den Individualfaktoren Sprache, Intelligenz, Motorik und Selbstregulation sowie dem Umweltfaktor sozioökonomischer Status (Röthlisberger et al., 2010). Die EF spielen für die Anpassung eines Kindes an die Schule und das lernbezogene Verhalten eine wichtige Rolle (Neuenschwander et al., 2012). Im Folgenden werden die drei Komponenten der EF nach Miyake (2000) kurz vorgestellt:

 

Das Arbeitsgedächtnis (AG) wird dann beansprucht, wenn Informationen kurzzeitig gespeichert und weiterverarbeitet werden müssen (Diamond & Ling, 2016). Aufgrund der zahlreichen Prozesse, die beim Schreiben im AG aufrechterhalten und manipuliert werden, und aufgrund der limitierten Kapazität wird das AG oft als „Flaschenhals“ bezeichnet (Olive, 2012). Wenn Einzelprozesse wie die Handschrift automatisiert sind, wird weniger der begrenzten Kapazität des AG beansprucht (James et al., 2016; Olive, 2012).

 

Die Inhibition unterstützt zielgerichtetes Verhalten, indem z.B. andere Reize ausgeblendet und die Konzentration auf das Schreiben gerichtet werden kann. Die Inhibition von automatisierten oder dominanten Reaktionen macht es möglich nachzudenken, bevor eine Handlung erfolgt und nicht unüberlegt und impulsiv zu handeln (Diamond, 2013).

 

Kognitive Flexibilität baut auf den beiden anderen Komponenten auf und ist wichtig, damit flexibel auf wechselnde Aufgabenbedingungen und Situationen reagiert werden kann (Diamond & Ling, 2016). Dazu gehört es auch, Perspektiven zu wechseln (z.B. Inhibition früherer Regeln oder Abläufe) und aus Fehlern zu lernen (Kubesch, 2016).

 

Abbildung 1 – Exekutive Funktionen (Quelle: www.initiativpark.com; abgerufen am 11.10.21)

 

Links

Grafink: Mehr Infos zu einem Grafomotorik Lehrmittel der PHBern

Grafset: Mehr Infos zum NFP Programm «Settings der Förderung der Grafomotorik»

Dynamico: Infos zur App auf der Website der EPFL.

 

 

 

 

 

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